Eiskargletschermessung 8.9.2020

Gletscherhaushaltsjahr 2019/20

 

Der Oktober 2019 verlief in den Südalpen ausgesprochen sonnig und mild. Besonders die zweite Oktoberhälfte brachte am Berg Temperaturen, wie sie eher für Ende August typisch sind. Aufgrund der sehr geringen Luftfeuchtigkeit und der relativ langen Beschattung des Eiskars durch die Obere Kellerwand dürften sich die Schmelzraten in dieser Zeit aber schon in Grenzen gehalten haben. Mit Ende Oktober 2019 schlug das Wetter schließlich um. Eine erste Kaltfront samt Mittelmeertief sorgte für etwas Neuschnee im Eiskar. Die Periode vom 2. bis zum 20. November 2019 zählte schließlich zu einer der niederschlagsreichsten der letzten Jahrzehnte. Mehrere Mittelmeertiefs sorgten für teils extrem starke Niederschläge entlang der Karnischen Alpen. Im gesamten November summierten sich an der Messstation des Hydrografischen Dienstes beim Plöckenhaus mehr als 1000mm Niederschlag auf. Während die ersten 100 bis 200mm im Eiskar noch als Regen fielen, lag die Schneefallgrenze in weiterer Folge immer unter 2000m. Dadurch kamen am südlichsten Gletscher Österreichs alleine im November 2019 mindestens 8m Neuschnee zusammen.

 

Nach einer etwas ruhigeren Wetterphase Anfang Dezember schneite es in den Karnischen Alpen knapp vor Weihnachten nochmals ergiebig. Im Eiskar brachte der Dezember 2019 nochmals rund 2m Neuschnee, sodass sich die Neuschneesumme im November und Dezember 2019  auf rund 10m belief!

 

Der Beginn des Jahres 2020 sollte aber genau gegenteilig verlaufen. Die Monate Jänner und Feber brachten keine nennenswerten Neuschneemengen im Eiskar. Erst Anfang März schneite es in den Karnischen Alpen wieder ergiebig.  Binnen weniger Tage kamen im Eiskar 1,5 bis 2m Neuschnee zusammen.

 

Diese Schneefälle Anfang März sollten aber auch schon das Ende der winterlichen Akkumulationsperiode darstellen. Bis Ende Mai kam es zu keinen weiteren nennenswerten Schneefällen im Eiskar.

 

Der April verlief auf den Bergen um 3K zu warm und brachte auch im Eiskar teils schon deutlich positive Temperaturen. Aufgrund der geringen Luftfeuchtigkeit und der nordseitigen Exposition des Gletschers blieben die Schmelzprozesse im Gegensatz zu den sonnseitigen Hängen aber noch gering.

 

Im Mai 2020 gab es einen raschen Wechsel von milderen und relativ kühlen Perioden, die Niederschläge im Eiskar fielen aber zu einem großen Teil als Regen oder Schneeregen. Die letzte Maiwoche brachte dann mit einem Kaltluftvorstoß aus Norden kühle Temperaturen. Wiederholt sankt die Lufttemperatur in der Nacht deutlich unter 0°C und auch tagsüber lagen die Höchstwerte bei teils bedecktem Himmel nur knapp über dem Gefrierpunkt. Dadurch wurde der Schmelzprozess für gut eine Woche unterbrochen. Gerade Ende Mai, wenn die Tage schon sehr lange sind, stellen solche kühlen und eher trüben Witterungsphasen eine wichtige "Erholungsphase" in der beginnenden Schmelzsaison dar.

 

In Summe verlief das Winterhalbjahr 2019/20 fast spiegelverkehrt zu jenem des Vorjahres. Auf einen extrem schneereichen Frühwinter (November und Dezember 2019) folgte eine trockener Hochwinter und ein eher niederschlagsarmer Spätwinter. Der Frühwinter 2018 war dem gegenüber sehr trocken und erst Anfang Feber sowie im April und Mai 2019 kam es zu ergiebigen Schneefällen im Eiskar.

 

Die Unterschiede bei der Schneehöhe zwischen diesen beiden Wintern sind zwar nicht so groß, bei der Schneedichte zeigt sich jedoch das spiegelverkehrte Niederschlagsregime eindeutig. War der Schnee im Eiskar Anfang Juni 2019 extrem weich, so ist die Schneedichte heuer aufgrund des frühwinterlichen Schneefalls deutlich höher.

 

Im Gegensatz zum Jahr 2019 brachte der Juni 2020 „nur“ durchschnittliche Temperaturen, Hitzewellen blieben de facto aus. Die hohe Luftfeuchtigkeit zusammen mit reichlich Niederschlag sorgte aber für anhaltend starke Schneeschmelze.

 

Im Juli 2020 lagen die Temperaturen um etwa 0,5 K über dem langjährigen Mittel, die Niederschläge erfüllten in etwa ihr Soll. Zum Monatsende hin gab es schließlich die erste längere sehr warme Phase dieses Sommers. Im Vergleich zu den letzten Jahren brachte der Juli jedoch eine deutlich geringe Schneeschmelze.

 

Der August 2020 hatte es dann aber in sich. Die Temperaturen lagen fast ausschließlich über dem langjährigen Mittel. Dazu fiel sehr viel Niederschlag, wodurch die Luftfeuchtigkeit anhaltend hoch war. Milde und feuchte Luft enthält viel Energie und so entwickelte sich der August 2020 zum stärksten Schmelzmonat der Sommersaison 2020.

 

Zusammenfassend muss das Gletscherhaushaltsjahr besonders durch die extrem starken Schneefälle im Frühwinter sowie den im Verhältnis zu den letzten Jahren relativ kühlen Frühsommer positiv bewertet werden.

 

Blick von Osten in das Eiskar
Blick von Osten in das Eiskar

Aussehen des Gletschers am Messtag

 

Wie schon in den letzten Jahren war das Erscheinungsbild des Eiskargletschers auch heuer wieder zweigeteilt. Während der östliche Gletscherabschnitt weiterhin deutliche Zerfallserscheinungen aufweist, macht der zentrale sowie  der westliche Teil durch die Schneerücklagen des letzten Winters einen recht guten Eindruck.

Das Felsfenster im östlichen Gletscherteil hat sich heuer weiter vergrößert. Der einst mächtige zentrale Lawinenkegel am Wandfuß der Oberen Kellerwand hat im Vergleich zum Vorjahr zwar wieder etwas an Masse gewonnen, zeigt aber zahlreiche ausgeaperte Felsrücken. Durch die Starkregenfälle im Sommer wurden gerade in diesem Bereich auch wieder  große Schuttmengen aus der Kellerwand auf den Gletscher gespült. Der Eisscheitel sowie der Zungenansatz und die Gletscherzunge selbst sind noch großflächig mit kompaktem Altschnee bedeckt.

 

Der höchste Punkt des Gletschers, im September 2020 liegt vom Winter 2019/20 noch etwas Schnee
Der höchste Punkt des Gletschers, im September 2020 liegt vom Winter 2019/20 noch etwas Schnee

Messergebnisse

 

Die Längenmessung zum Eisrand konnte nur an der Messmarke G06 durchgeführt werden. Der Rückzugswert beträgt an dieser Stelle knapp unter einem  halben Meter.
An allen anderen Messmarken  war der Eisrand mit Schnee bedeckt, wodurch hier kein Vergleich zum Vorjahr angestellt werden konnte.

 

Zur Berechnung des jährlichen Einsinkens der Eisoberfläche wurden erstmals am 5.10.2008 an drei unterschiedlichen Stellen Pegelstangen in das Gletschereis gebohrt, wobei der Pegel (A) im östlichen Gletscherabschnitt sowohl am 29.6.2016 als auch am 8.9.2019 erneuert wurde.  Der Pegel (B) im Bereich des Eisscheitels  wurde am 8.9.2018 neu gesetzt (B2), wenige Meter höher wurde im Blankeis ein Vergleichspegel (B1) eingebohrt. Der Pegel (C) im westlichen Gletscherabschnitt wurde, da er in der Mehrzahl der Jahre seit 2008 firnbedeckt blieb, noch nicht nachgebohrt. Beim Pegel (A), welcher im östlichen schuttbedeckten Gletscherlappen in ca. 2180 m Höhe liegt und repräsentativ für die schuttbedeckten Gletscherbereiche ist, sank die Gletscheroberfläche seit dem 14.9.2019 um 0,6 m ein; seit 2008 nahm die Höhe der Gletscheroberfläche hier um 7,5 m ab .

Am Pegel (B2) im Bereich des Eisscheitels ergab die heurige Messung im Vergleich zum Vorjahr ein Einsinken der Gletscheroberfläche  um 0,3 m.  Bei diesem Pegel sank die Gletscheroberfläche seit 2008  insgesamt um 5,2 m ein.

Der Pegel (B1) wurde im Laufe des Sommers von einer mächtige Schuttlawine erfasst und war nicht auffindbar.
Der westliche Pegel (C) lag am 8.9.2020 wiederum unter Altschnee und konnte nicht nachgemessen werden. Für den Zeitabschnitt zwischen  2008 und 2017 - damals war der Pegel letztmals sichtbar- wurde ein  Einsinken von 2,7 m ermittelt.
 
Rund 39% des Gletschers waren am Messtag mit Altschnee bedeckt. Auf 1% des Gletschers trat Blankeis zu Tage. Die übrigen  60% der Gletscheroberfläche waren mit Schutt bedeckt.

 

Wie schon im Jahr 2014 wurde im Bereich zwischen dem Eisscheitel und dem Wandfuß ein Schneeschacht zur Ermittlung der Schneedichte gegraben. Die Abstichhöhe des Schneeschachtes betrug 1,43 m. Wie schon im Jahr 2014 ergaben sich über die gesamte Abstichhöhe kaum nennenswerte Dichteunterschiede. In Summe betrug die Schneedichte im September 2020 ~630 kg/m³ (Vergleich 2014 650 kg/m³).

Im Bereich der großflächigen Lawinenablagerungen am Eisscheitel sowie der Gletscherzunge ist mit noch höheren Schneedichtewerten zu rechnen.

 

Trotz großer Bemühungen stieß das Schneehöhensondierungsteam am Messtag bereits in rund 2 m Tiefe auf eine extrem dichte Schneeschichte, welche nicht durchdrungen werden konnte. Im Juli 2020 lag die Schneehöhe hingegen noch deutlich über 10m. An den angrenzenden Felswänden lässt sich von Anfang Juli bis zum Messtermin jedoch ein Schneerückgang von rund 5,8 m messen. Die Abschätzung der Schneehöhe im September 2020 wird demnach durch eine Kombination der Schneehöhen vom Juli mit der Schneehöhendifferenz bis Anfang September sowie den Sondierungen am Messtag ermittelt.

 

Die Auswertungen zur Massenbilanz laufen noch, die Ergebnisse werden im Laufe des Oktobers erwartet.

Blick von Westen über den großflächig mit Schnee bedeckten Eisscheitel sowie den Ansatz der Gletscherzunge (Vordergrund)
Blick von Westen über den großflächig mit Schnee bedeckten Eisscheitel sowie den Ansatz der Gletscherzunge (Vordergrund)

Arbeiten am Gletscher

 

Nachdem im Herbst 2019 das Messteam nur aus zwei Personen bestanden hatte, waren im September 2020 insgesamt 11 Personen mit Arbeiten und Messungen am und rund um den Gletscher beteiligt. Neben den klassischen Längenmessungen wurde die Schneehöhe mittels einer Lawinensonde eruiert. Zusätzlich wurde an einem Punkt ein Schneeschacht zur Bestimmung der Schneedichte gegraben. Wurden diese Arbeiten je nach Schneelage in den letzten Jahren mehr oder weniger regelmäßig durchgeführt, kam es im Herbst 2020 zu einer besonderen neuen Messung:

 

Ein Team von der KELAG war mit einem terrestrischen Laserscanner rund um den Gletscher unterwegs und führte einen kompletten terrestrischen Laserscan des Eiskargletschers durch.

Nachdem der Gletscher 1997 von einem Vermesser komplett aufgenommen worden war, sollte mit den erhobenen Daten der KELAG ein Masseunterschied von 1997 bis 2020 errechnet werden können.

 

Zusätzlich wurden wir von einem Filmteam (SWR/ ARTE) begleitet.

Blick vom unteren Gletscherende durch den Trog der Gletscherzunge zum Wandfuß hinauf
Blick vom unteren Gletscherende durch den Trog der Gletscherzunge zum Wandfuß hinauf

Safety powered by:

Perfektes Rundumtraining
Perfektes Rundumtraining